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Die folgende Geschichte ist meine erste und mir aus verschiedenen Gründen besonders wichtig. Weil sie mir, obwohl sie alt ist, bis heute gut gefällt, teile ich sie gern:

Kennst du das Gefühl, nach einem nasskalten Herbstspaziergang in der heißen Badewanne zu liegen? So fühlt sich Herr Bokert, wenn er frisch geschnittenes Holz berührt. Der einfühlsame Pinselstrich, mit dem van Gogh seine Sonnenblumen zeichnete, wirkt auf ihn grobschlächtig, verglichen mit der feinen Maserung von Walnussholz. Er würde den Chanel-Duft seiner Frau jederzeit gern gegen den würzigen Geruch von Harz tauschen. Seine Freunde nennen ihn den Holzwurm.

Diese Obsession entwickelte sich bereits in seiner Kindheit. Die »Sendung mit der Maus« zeigte, wie ein Nachttischchen mit Schublade hergestellt wird. An diesem Tag begann er, mit Holz zu basteln und später zu schnitzen. Tiere, Menschen, Dosen, Vasen, Teller - die Eltern konnten kaum so schnell Material heranschaffen, wie der kleine Herr Bokert produzieren wollte. Es entstand der Traum vom eigenen Blockhaus. Die Vorstellung mit Holzgeruch in der Nase wach zu werden, beim Essen auf die rustikalen Bohlen der Küchenmöbel zu schauen und das Knarren der Paneele auf dem Weg zur Tür zu hören, hat ihn sehnsüchtig gemacht. Nicht selten träumt er bei der Arbeit, dass der Handlauf, den er gerade drechselt, für die Treppe seines eigenen Hauses sei.

Er arbeitet gern. Nein, das ist zu wenig! Er liebt seinen Job und hasst den Feierabend. Aber der schlaue Herr Bokert hat eine geniale Lösung für dieses Problem. Kurzerhand trägt er Pläne und Unterlagen zu sich nach Hause. In diesem Augenblick verbessert er auf einer Zeichnung mit Lineal und feinem Bleistift Skizzen eines runden Tisches, der mit einem eleganten Mechanismus größenverstellt werden kann. Die Ausarbeitung nimmt ihn so ein, dass er gar nicht merkt, wie ein Foto seiner Kinder vom Schreibtisch in das Chaos auf dem Fußboden fällt. Es wird in den nächsten Tagen mit all den anderen Dingen, wie zum Beispiel dem angefangenen Schnitzelefant, in Vergessenheit geraten.

Herr Bokert zuckt zusammen, als aus seinem Handy die Melodie der lustigen Holzhackerbuam tönt. Er wühlt es zwischen den Ordnern hervor. »Hallo, nein, natürlich hab ich euch nicht vergessen.« Während des Telefonats legt er nicht einmal den Stift beiseite. »Spinner! Logisch weiß ich, dass Skat nur zu dritt geht. Du, das tut mir echt total leid, aber glaub‘ mir - heute passt es wirklich nicht, das ist ein superwichtiger Termin mit der Messe!« Das mit dem Ellbogen festgehaltene Lineal droht zu verrutschen. »Na klar hätte ich noch abgesagt … Nein, du störst nicht … Bis dann!« Mist, seine zermürbte Stimme hat doch verraten, wie gern er in Ruhe gelassen worden wäre.

Die Messe ist vorbei und das Konzept ist aufgegangen. Der clevere Ausziehtisch war der Verkaufsschlager und es gibt es einen Riesenstapel neuer Aufträge. Zu seiner Frau sagt er, er hätte gern etwas von der Arbeit an die Kollegen abgegeben. Die besäßen in der finalen Umsetzung nur einfach nicht die nötige Erfahrung. Das ist allerdings nicht ganz die Wahrheit. Jetzt liegen die Vorgänge deshalb - auf Herrn Bokerts Mahagonischreibtisch. Liebevoll streicheln seine rauen Handwerkerfinger darüber. Die Zeiger der riesigen Standuhr rücken bereits auf Viertel nach zehn, als die Holzhackerbuam in den Raum platzen. Er sieht nicht mal nach, wo sein Handy ist. Egal!

Die Nacht zieht vorüber, während auf dem Schreibtisch Entwurf um Entwurf entsteht. Dann endlich ist es so weit. Stolz hält er die fertige Präsentation in der Hand und nimmt die Hand vor den zum Gähnen aufgerissenen Mund. Beim Blick auf die Uhr zuckt er zusammen. Es ist gerade noch Zeit, vor dem Termin zu duschen und sich einen frischen Anzug anzuziehen. Er macht sich Vorwürfe, dass er eigentlich ausgeschlafen sein sollte und sich im Vorfeld noch mehr Zeit hätte nehmen müssen, aber die Tage waren einfach immer zu kurz. Viel zu oft sind während der Arbeit Stunden verloren gegangen. Sie haben scheinbar nie stattgefunden. Er schüttelt diese Gedanken ab und reißt sich zusammen. »Ohne Fleiß, kein Preis!«

Die Kunden sind neugierig, als er dynamisch das Besprechungszimmer betritt. Er wird ihnen das ideale Möbel für ihren Konferenzraum zeigen, dessen sind sie gewiss. Der Raum wird abgedunkelt, auf der Leinwand erscheinen Bilder von bereits umgesetzten Variationen und dazu erklärt Herr Bokert Vor- und Nachteile. Einmal muss er eine Redepause machen, um mit geschlossenem Mund gähnen zu können. Die Konzepte der Nacht und kleine Holzmuster gehen auf dem Tisch herum, und mit jedem weiteren Blatt werden die Gesichter länger. »Die Ideen sind nicht schlecht«, sagt der Kunde. In seiner Hand ist ein Entwurf des Ausziehtisches aus Kirsche. Eigentlich hübsch, aber die Mechanik ist aus Metall. Auf der Messe wurde doch erklärt, dass die weichen Holzvarianten nur mit Kunststoffmechanik dauerhaft gut funktionieren. »Hier hätte mit etwas Sorgfalt vermieden werden können …«, sagt der Einkäufer. »Zu dem hellen Ahorn passt der Einsatz aus Eichenholz, wie ein pinkes Top zu einer Trauerfeier.« Herr Bokert wird blass.

Nach dem Termin nimmt sein Chef ihn beiseite. »Sie müssen einfach mal Urlaub machen. Sie sind nur überarbeitet.« Er nickt leer und fragt sich, wie gerade ihm das passieren konnte. Mit hängenden Schultern trottet er vom Büro zum Auto. Sein Ziel ist ein Wanderparkplatz am Waldrand. Fest umklammert er seinen Aktenkoffer und macht sich auf den Weg zum Grillplatz. Es riecht blumig nach frischen grünen Trieben, als Bokert, begleitet von Vogelgezwitscher, den Inhalt seiner Tasche auf den Rost schüttet. Ein Päckchen Streichhölzer lächelt ihn an. Das Geräusch, als er das Schwefelköpfchen anstreicht, lässt ihn zusammenzucken. Seine Pläne, Holzmuster und die Stempelkarte färben sich kohlschwarz, rollen sich im Todeskampf zusammen und zerfallen zu Asche. Er wirft ein paar trockene Äste dazu und schnuppert. So riecht das also.

Auf dem Heimweg klingelt sein Handy. Eine Berührung aktiviert das Headset. »War das schon heute? Das hab‘ ich total verschwitzt.« Er fährt den Wagen auf den Seitenstreifen und hört seit langer Zeit das erste Mal wieder aufmerksam seinem Skatfreund zu. »Da hab‘ ich das Telefon bestimmt überhört. ... Ihr habt ohne mich gewonnen? Das ganze Turnier?« Tränen vernebeln ihm die Sicht und es kostet Mühe seine Stimme fest klingen zu lassen. »Der Gewinn war was? … ein Blockhaus?«

Bildnachweis (Slider) pixelio.de: Wilhelmine Wulff, berwis, S. Hofschlaeger